Krisen sind oft nur Auslöser für Veränderungen

23/11/20

Christian Kemper, Extra Bankmagazin

 

Diego Föllmi, Partner und Mitglied der Geschäftsleitung von Hérens Quality Asset Management, über das Wachstumspotenzial seines Geschäfts und die langfristigen Folgen der Präsidentenwahl in den USA für den Aktienmarkt.

 

Herr Föllmi, wer sind die Kunden von Hérens Quality Asset Management hierzulande?

Wir betreuen in Deutschland ausschließlich institutionelle Investoren. Doch innerhalb dieses Segments decken wir ein breites Spektrum ab. Dazu gehören Banken und Versicherer, Versorgungskassen, kirchliche Institute, Family Offices sowie unabhängige Vermögensverwalter.

Wie definieren Sie die Qualität Ihrer Vermögensverwaltung, die so prominent im Namen steht?

Wir sind stark auf die betriebswirtschaftliche Qualität unserer Investitionen in Kombination mit einer attraktiven Bewertung fokussiert. Das bedeutet, dass ausschließlich Aktien von Firmen in unser Portfolio kommen, die sämtliche unserer Qualitäts- und Bewertungskriterien erfüllen. Dabei nehmen wir verschiedene Bereiche unter die Lupe, etwa das Finanzgerüst, das Geschäftsmodell, das Management sowie den Markt und die Positionierung eines Unternehmens. Wir gehen zu 100 Prozent bottom-up sowie bestoverall vor. Wir beurteilen und analysieren also jeden Wert innerhalb eines Investmentuniversums, zum Beispiel im EURO STOXX 600, unabhängig von dessen Sektor.

Was kann ein Schweizer Vermögensverwalter besser als die deutschen Wettbewerber?

Länderspezifische Unterschiede beim Asset Management sehe ich keine. Sowohl in Deutschland als auch in der Schweiz gibt es spezialisierte Anbieter. Entscheidend ist doch, dass ein Vermögensverwalter seine Kernkompetenz kennt. Und bei uns ist es der Quality-Investmentstil, der uns international eine Pionierrolle verschafft. Ein solcher Stil ist wichtiges Unterscheidungsmerkmal und kann, sofern er systematisch, relevant und stabil ist, in Form eines eigenständigen Performance- und Risikocharakters einen Mehrwert für die Kunden liefern.

Welche Wachstumsaussichten haben Sie für das Asset Management in Deutschland?

Sofern ein Vermögensverwalter einen Mehrwert liefern kann, beurteilen wir die Wachstumsaussichten als sehr gut. Gerade in einem schwierigen Marktumfeld trennt sich die Spreu vom Weizen. Viele institutionelle Vermögen wurden zudem in den vergangenen Jahren passiviert. Das hat durchaus eine gewisse Berechtigung. Aber wir sind der Meinung, dass Vermögen in mehreren systematischen und klar nachweisbaren Investmentstilen angelegt werden sollte. Und Hérens Quality ist einer davon.

Wie wirkt sich die Corona-Krise auf Ihr Geschäft aus?

Natürlich waren wir von den Einschränkungen negativ betroffen. Wir sind froh, dass Reisen nun wieder möglich sind, und hoffen, dass das so bleiben wird. Der Performanceund Risikocharakter unserer Portfolios haben sich aber in der Corona-Krise bewährt, ebenso wie in vergangenen schwierigen Marktphasen. In solchen Zeiten machen sich die Investoren mehr Gedanken zu ihrer Portfolioausrichtung. Aus diesen Gründen ist das Umfeld für uns gut, neue Interessenten für unseren Ansatz zu gewinnen. Somit konnten wir unseren Kundenstamm seit März um rund zehn Prozent vergrößern.

Und welche Spuren hat die Virus-Pandemie bislang in den Kundendepots hinterlassen?

Unsere Kunden sind bis dato im Vergleich zum Vorjahreszeitraum in allen ihren Aktienportfolios im Plus. Aus dieser Sicht haben sich die Depots sehr schnell von dem durch das Corona-Virus bedingten Kurseinbruch im Frühling erholt. Auch relativ stehen wir im Jahresvergleich wieder sehr gut da und können in allen Regionen eine deutliche Outperformance ausweisen.

Inwieweit haben Sie Ihren Investmentansatz der Corona- Krise angepasst?

Gar nicht. Wir passen unseren Investmentansatz nur dann an, wenn sich fundamentale Bedingungen ändern. Das geschieht aber selten in Krisen und daher sind solche Marktphasen meist nicht geeignet, um Strategien langfristig zu ändern. Denn Krisen sind oft nur Auslöser für Veränderungen. Viele strukturellen Probleme waren schon längst vor Ausbruch der Virus-Pandemie vorhanden. Für uns heißt das, dass wir der betriebswirtschaftlichen Analyse, unserer Disziplin und Systematik bedingungslos treu bleiben, um auch künftig insbesondere in Krisensituationen für unsere Kunden gut positioniert zu sein.

Wie sieht Ihre Prognose bis Jahresende für die Aktienmärkte in Deutschland, den USA und weltweit aus?

Strukturell und vor allem mittel- und langfristig sind wir für die Entwicklung der Aktienmärkte zuversichtlich. Doch eine kurzfristige Prognose zu wagen wäre insbesondere in diesem Jahr fahrlässig. Wir sind mittel- und langfristig orientierte Investoren. Den Markt zu timen ist nicht unsere Investmentstrategie. Ein gutes Risikomanagement besteht nach unserer Überzeugung darin, sicherzustellen, dass unsere Kunden in jedem Umfeld gut dastehen.

Welchen Einfluss hat die bevorstehende US-Wahl auf Ihre Prognose?

Wie gesagt, kurzfristige Timing-Strategien sind nicht unser Stil. Sicher ist aber, dass die Wahl in den USA mehr Volatilität in den Aktienmarkt bringen wird. Denn es stehen uns viele Unbekannte bevor. Die weitere Kursentwicklung wird auch stark davon abhängen, wie klar das Resultat ausfällt, wann dieses feststeht, wer gewinnt und wie die Verliererpartei damit umgehen wird.

Gilt weiterhin die Regel, dass ein republikanischer US Präsident positiv auf die Aktienkurse wirkt?

Das ist Spekulation. Beide Präsidentschaftskandidaten haben aber Wirtschaftssektoren im Blick, die ihnen jeweils näherstehen. Bei einer Wiederwahl von Donald Trump werden wohl Energie- und Finanzkonzerne im Vorteil sein, die bereits in den vergangenen vier Jahren von regulatorischen Lockerungen profitiert haben. Von Joe Biden als neuem US-Präsidenten könnten Unternehmen aus dem Infrastruktursektor und der Gesundheitsbranche Vorteile erwarten, auch weil er seinen Wählern ein umfassendes Sozial-, Klima- und Konjunkturpaket versprochen hat. Wie nachhaltig solche Entwicklungen sind, kommt auch stark auf die Machtverhältnisse im Kongress an. In jüngerer Zeit wiesen jedoch demokratische Präsidenten eine deutlich bessere Börsenbilanz auf als republikanische. Unabhängig vom Ausgang der US-Wahl sowie getrieben von der Corona-Krise sollten Unternehmenswerte mit Fokus auf Digitalisierung und Klimaschutz weiter an Kurs zulegen.

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